| Die Agenda 2010 ist ein mehrgliedriges Konzept der
Bundesregierung, mit dem sie das
deutsche Sozialsystem und den Arbeitsmarkt
reformieren will.
Das Ziel ist wirtschaftliches
Wachstum und damit
Beschäftigung zu bewirken, ist in der Agenda 2010 ein ganzes Bündel
an drängend notwendigen Veränderungen sowohl im
Sozialstaat als auch in der Arbeitsmarkt- und Familienpolitik
vorgesehen.
Das Hauptziel der Agenda 2010 ist, wieder mehr Beschäftigung für
Arbeitslose zu schaffen. Da der Staat in einer Marktwirtschaft diese
nicht per Anweisung schaffen kann, müssen indirekte, aber dennoch
gezielte Einzelmaßnahmen ergriffen werden. Als Zwischenziel muss daher
der Arbeitsmarkt transparenter und dynamischer werden (siehe
Hartz-Konzept).
Um Unternehmer wieder zu Neueinstellungen zu motivieren, müssen die
Kosten für die Arbeit runter. Dies bedeutet
Einkommensteuersenkungen für die Beschäftigten und Senkung der
Sozialversicherungsbeiträge auf ein niedrigeres Niveau.
Kritik
Kritiker der Agenda befürchten, dass durch geringere
Sozialversicherungsbeiträge aller Versicherten, insbesondere in der
Krankenversicherung, nicht mehr die medizinische Behandlung in vollem
Umfang 'kostenlos' bleibt. Es besteht die Befürchtung, dass die
medizinische Versorgung durch eigene Barzahlungen bei Einlieferung in
das Krankenhaus ergänzt werden muss. Polemisch wird dass Stichwort der
Zwei-Klassen-Medizin angeführt, bei der selbst die wichtigsten
Leistungen für Kranke nur gegen Barzahlung erfolgt. Übersehen wird
jedoch, dass einige bisher umstrittenen Leistungen wie etwa die
Homöopathie oder die traditionelle chinesischen Medizin nicht zur
akuten Gesundheitsversorgung gehört und daher nicht mehr der
Solidargemeinschaft aufgebürdet werden kann. Die medizinische Versorgung
ist daher, wie bisher auch, sichergestellt.
Generelle Kritik an der Agenda 2010 -insbesondere von den
Gewerkschaften- ist, dass diese Maßnahmen nicht zu einer Reduzierung
sondern zunächst zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führen.
Beispielhaft werden die USA und Großbritannien angeführt. Als in den USA
von
Ronald Reagan und in Großbritannien von
Margaret Thatcher neoliberale Programme vollzogen wurden, stieg
zunächst die Arbeitslosigkeit an. Langfristig ging jedoch in beiden
Ländern die Arbeitslosigkeit zurück und stagnierte auf niedrigem Niveau
(ca. 5-7% Arbeitslosigkeit). Obwohl Reformen keine Garantie für neue
Arbeitsplätze abgeben, so können diese jedoch für verbesserte
Rahmenbedingungen sorgen und damit die Wirtschaft positiv stimulieren.
Fraglich ist allerdings, ob die moderaten Maßnahmen der Agenda 2010 mit
den Radikalreformen unter Margaret Thatcher überhaupt vergleichbar sind
und diese bei der derzeitigen wirtschaftlichen Lage überhaupt noch
ausreichen.
Da durch den
Generationenvertrag die
Sozialversicherungsbeiträge (derzeit liegen diese bei ca. 45% des
Bruttolohns) vorwiegend von der jungen für die ältere Generation
finanziert wird, ist darauf zu achten, dass die junge Generation in
ihrer Zahlungspflicht für die Alten nicht überfordert wird. Daher müssen
beide Generationen gleichmäßig verteilt Nachteile in Kauf nehmen.
Die bisher erreichten und durchgeführten Maßnahmen der Regierung sind
im einzelnen:
- Bereich Wirtschaft: Förderung des Mittelstands durch
Änderung der Handwerksordnung (Betriebsgründung auch ohne
Meisterbrief), Reform des Kündigungsschutzes und Senkung der
Lohnnebenkosten bei Beschäftigung.
- Bereich Ausbildung: Besondere Ausbildungsangebote für
Jugendliche, Berufsausbildung auch durch fachlich geeignete,
erfahrene Gesellen in den Betrieben.
- Bereich Steuern: Steuersenkungen des
Eingangssteuersatzes von 26% auf nun 16%, des Spitzensteuersatzes
von 53% auf 45%, zugleich Erhöhung des steuerfreien Jahreseinkommens
auf 7.663 €. Damit werden die Steuerzahler erheblich entlastet.
- Bereich Bildung: Erhöhung der Bildungsausgaben
innerhalb von fünf Jahren um 25%, Bafög-Reform um mehr
studienbereiten jungen Menschen eine Hochschulausbildung zu
ermöglichen. Ebenso Investition von 4 Mrd. € zur Förderung von
Ganztagsschulen, um Schüler länger und intensiver zu betreuen und
auszubilden.
- Bereich Arbeitsmarkt: Einführung neuer
Förderinstrumente für mehr Beschäftigung wie
Ich-AG, Zuschüsse für Existenzgründer,
Personal-Service-Agenturen, neue Beschäftigungsarten wie
Minijob und
Midijob.
- Bereich Gesundheit: Ergreifen von dringend notwendigen
Maßnahmen, um das weitere Ansteigen der
Sozialversicherungsbeiträge von derzeit ca. 45% des Bruttolohns
auf 50% zu verhindern. Ergreifung von Maßnahmen, um die Effizienz im
deutschen Gesundheitssystem zu erhöhen und damit die Gesamtkosten zu
reduzieren. Gleichzeitig Erhöhung der Kostentransparenz für die
Versicherten durch Einführung einer elektronischen Gesundheitskarte
ab dem Jahr 2006.
- Bereich Rente: Ergreifen von dringend notwendigen
Maßnahmen, um das weitere Ansteigen der
Rentenversicherungsbeiträge für die derzeitigen Beitragszahler
konstant auf 19,5% des Bruttolohns zu halten. Ergänzung der
Rentenformel um den Nachhaltigkeitsfaktor, um einen weiteren Anstieg
der Rentenversicherungsbeiträge zu dämpfen. Reduzierung der
versicherungsfremden Leistungen.
- Bereich Familie: Erhöhung des Kindergelds auf 154 €.
Verstärkte Investitionen für die Betreuung von Kindern unter drei
Jahren, Ausbau von Ganztagsschulen, Einführung von
Steuervergünstigungen für die Kinderbetreuung und für die
Einstellung von Haushaltshilfen im Privathaushalt.
Allein diese Maßnahmen können jedoch nur kurzfristig zur Lösung der
Rentenproblematik und den steigenden Kosten der
Krankenversicherung beitragen. Es müssen mehr Menschen Arbeit
finden, um die Zahl der Beitragszahler für die
Sozialversicherung zu erhöhen. Für mehr Beschäftigung müssen jedoch
die Kosten für die Arbeitskraft sinken. Daher müssen weiter die Steuern
und die
Lohnnebenkosten reduziert werden. Nur so lässt sich die soziale
Absicherung für die Gesellschaft langfristig erhalten. Langfristig
werden daher auch die Maßnahmen der Agenda 2010 nicht für die Zukunft
ausreichen.
Kritiker der Agenda 2010, allen voran die
Gewerkschaften, werfen dem Konzept zu starke Einschnitte in den
Sozialstaat vor: Nach Ansicht der Gewerktschaften werden nun
Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger in ihren Leistungen gleichgestellt.
Nach der Agenda 2010 soll die
Arbeitslosenhilfe sich wie bisher auch am letzten Einkommen
orientieren, allerdings beträgt das neue Arbeitslosengeld prozentual
weniger als das letzte Gehalt. Als fixe Untergrenze für das
Arbeitslosengeld gilt das staatlich festgelegte
Existenzminimum (Langzeitarbeitslose werden also nicht
Sozialhilfeempfängern gleichgestellt).
Nachvollziehbar sind daher diese Kritikpunkte der Gewerkschaften
anhand der Agenda 2010 nur schwerlich. Gemäß der Agenda 2010 wird das
Arbeitslosengeld unverändert wie bisher ausgezahlt. Die Sozialhilfe wird
nur als Arbeitslosengeld II umbenannt. Dabei werden jedoch nicht die
Leistungen, also die Höhe der Auszahlungen gekürzt, sondern es wird die
Verwaltung der Sozialhilfe an das
Arbeitsamt übertragen. Daher kommt es nicht zu einer
Leistungskürzung, sondern nur zu einer sinnvollen Kompetenzbündelung auf
das Arbeitsamt, um auch Sozialhilfeempfänger wieder in Beschäftigung zu
führen (siehe dazu auch
Hartz-Konzept). Die Polemik der Gewerkschaften geht daher an den
Aussagen der Agenda 2010 vorbei.
Volkswirtschaftlich argumentieren die Gewerkschaften damit, dass die
Reformpläne die Nachfrage schwächen, da Empfänger von Sozialleistungen
als Opfer der Kürzungsmaßnahmen eine Personengruppe mit höherer
Konsumquote seien als die Profitträger der Agenda (Steuerzahler und
Beschäftigte). Die ideologische Grundlage für die Konzepte und Analysen
der
Gewerkschaften ist zumeist der
Keynesianismus. Allerdings stellte sich hierbei die Frage was
sinnvoller ist. Soll (so die Forderung der Gewerkschaften) durch eine
Erhöhung der Sozialhilfe der Aufschwung erreicht werden
oder sollen Sozialhilfeempfänger (so ist es in der Agenda 2010
vorgesehen) wieder dem Arbeitsmarkt zugeführt und damit in
Beschäftigung gebracht werden.
Ein Leitantrag zur Agenda 2010 wurde auch auf dem Sonderparteitag
der
Grünen am
14./15.
Juni
2003 mit ca. 90-prozentiger Mehrheit angenommen, nachdem die
SPD auf ihrem Sonderparteitag am
1. Juni mit deutlich über 80 Prozent für den Leitantrag des
SPD-Bundesvorstandes gestimmt hatte.
In
Österreich wurde per
Volksbegehren eine Änderung des österreichischen
Verfassung durchgesetzt, in dem Artikel 1 um einen Absatz erweitert
wurde, der festschreibt, dass es sich bei Österreich um einen
Sozialstaat handelt. Dieses Begehren wurde durchgesetzt, weil auch
in Österreich zahlreiche soziale Einschnitte (Sozialabbau)
zur
Debatte standen.
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